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Rezension Akt :

Tanz Im Paradies- Rezension AKT 16, Oktober 10

MACHO SEHNSÜCHTE

Uraufführung von „Tanz im Paradies, Disco Terror“ im Severins-Burg-Theater.

Es ist fast unheimlich, wie sehr dieses Stück in die Zeit zu passen scheint- in die Post-Sarrazin-Zeit mit ihrer erregten Debatte um die Integrierbarkeit von „kleinen Kopftuchmädchen“ und ihren Familien. „Tanz im Paradies, Disco Terror“ von Ali Jalaly, uraufgeführt im Severins-Burg-Theater, schaut vor allem auf die Brüder der „Kopftuchmädchen“ – auf die viel beschworenen arabischen Machos, die im Verbund mit ihrer Gang die Tage verstreichen lassen und dem Höhepunkt der Woche entgegenfiebern: In der örtlichen Disco „Paradiso“, Einlass zu erhalten. Darum dreht sich sämtliches Sinnen und Trachten von Jamil und seinen Freunden: Wie, verdammt noch mal, kommt man mit seinen dunklen Haaren und seinem Ausländer-schick ins „Paradiso“ hinein? In den Schuppen bei den schönen Frauen, die man endlich auch mal von Nahem betrachten will. Jalaly beobachtet in seinem Stück ganz akribisch, wie man sich in diesem Mikrokosmos auf den Abend vorbereitet- wie man sich kleidet, welche Schuhe die richtigen sein könnten, auf welche Art man sich die Haare richtet. Was auf keinen Fall geht: Helle Jeans – nur was für „Opfer“. Damit gibt Jalaly seine Protagonisten fast der Lächerlichkeit preis. Fast. Denn die genauen, mit saftiger Ironie gewürzten Beobachtungen legen dem erstaunten Publikum ja vor allem eines offen: Dass es da draußen viele von diesen Jalils gibt, mit ihren kleinen Sehnsüchten. Und dass man trotz der mitschwingenden Bissigkeit eines nicht vergessen sollte: Dass es einem wie Jalil verdammt weh tut, wenn er Abend für Abend nicht hinein gelassen wird ins „Paradiso“. „Disco Terror“ dreht sich um die Folgen einer solchen ständigen Abweisung – und stellt die Frage danach, ob verletzter Stolz dazu führen kann, dass man monströse Verbrechen begeht. Auch hier wendet sich das Stück medial geprägtem Stereotypen zu: Es spielt mit dem Bild des Selbstmordattentäters, mit den Mythen des 11. September und mit dem vorgeblichen Hass der Muslime auf die westliche Demokratie. Dabei bleibt „Disco Terror“ jedoch die ganze Zeit über ein im besten Sinne leichtes Stück. Schwer Verdauliches wird mit rotziger, ganz in der Zeit verankerter Nonchalance präsentiert- und das ist nicht zuletzt ein Verdienst der Darsteller. Jürgen Knittl, und seine drei weiblichen Mitstreiterinnen bringen das richtige Tempo und den richtigen Ton mit. So glaubwürdig kommt das rüber, dass man es am Ende fast bedauert, nicht ein Teil von Jalils Freundesgruppe sein zu können.

AKT, Oktober 2010, Nina Giaramita