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NATHANS TOD IN JERUSALEM - ALI JALALY ENSEMBLE

Von Ali Jalaly - Nach dem Roman "Rückkehr nach Hailfa" Von Ghassan Kanafani (Deutsche Übersetzung von Hartmut Fähndrich; Basel, Lenos Verlag, 1986. Lenos Pocket 1992)

Bühne: Hoger Hanewacker
Mit: Marion Minetti, Sabine Brandauer, Carlos Garcia Piedra, Waldemar Hooge
Uraufführung: September 2005 Theater Tiefrot, Köln


„Zwei Ringe in Flammen – Eine mutige [...] Umsetzung des Palästina-Konflikts.


Zwei der Ringe brennen lichterloh. Die Infokarte zu Ali Jalalys Stück und Inszenierung ’Nathans Tod in Jerusalem’ im Theater Tiefrot zeigt es deutlich. Die humanistische Verständigung zwischen den Weltreligionen, die Nathan der Weise in Lessings gleichnamigem Schauspiel anhand der Ringparabel beschwört, wird hier kritisch in Frage gestellt. Palästina brennt. Und Nathan wird sterben.



Hier geht es um den Konflikt in Israel. Jalalys moderner Nathan, als Akbar bei palästinensischen Eltern geboren, wächst in einer jüdischen Familie auf. Das Leid, das der nicht enden wollende Bürgerkrieg zwischen Israelis und Palästinensern erzeugt, ist in der geeinten Zwienatur Nathan-Akbar komprimiert. Zwanzig Jahre hat er seine aus ihrem Haus und aus Haifa vertriebenen Eltern nicht gesehen. Dann stehen sie plötzlich im Wohnzimmer.
Wie meist, wenn Jalaly brisante politische Themen anpackt, macht er dies mit mutigem Pathos und direkten, dem Realismus verpflichteten Bildern. Das aus Polen geflüchtete jüdische Ehepaar nimmt die Traumata der Schoah in ein Land mit, in dem die Palästinenser neue, andere Traumata erleben. Hier, in der Gegenwart, sind beide Seiten Opfer und Täter [...]. Der Realismus der Handlung, bis zum Bombengürtel des palästinensischen Selbstmordattentäters gesteigert, findet Zäsuren in abstrakt-absurden Zwischenszenen. Koffer stehen da auf der Bühne, in die sich Menschen in Zwangsjacken einpacken, während sie Kinderreime des Hasses rezitieren. Auf einem Koffer steht ’zerbrechlich’. So wie alles, was in Scherben fällt. [...]

Diese Inszenierung zeigt, was politisches Theater leisten kann. Denn was die Medien nur mit informativer Distanz vermitteln, ist hier, an menschlichen Schicksalen, nahe liegend und nahe gehend in Szene gesetzt. Ein Geheimtipp [...].“ (Kölner Stadt-Anzeiger, Arndt Kremer, 27.09.05)

„Karussell der Ideologien

[...] Kann man den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auf der Bühne verhandeln? Ali Jalaly versucht es in seinem Stück [...] Alles ist in Ali Jalalys
ausbalanciertem Text enthalten, was zum Konflikt zwischen beiden Volksgruppen zu sagen wäre – dem Autor kann man keine einseitige Parteinahme vorwerfen. Dass sich dennoch etwas bewegt in einem Stück, das durchgehend aus Argumentationen gebaut ist, liegt auch am Regisseur Ali Jalaly, der flüssig inszeniert. [...]

Leben erhält es durch das vorzüglich agierende Ensemble. Die vier Darsteller spielen mit Leidenschaft. Der Blick ihrer Figuren ist stets auf den eigenen Schmerz gerichtet, während man das Schicksal des anderen ausblendet. Ali Jalaly beschreibt eine Haltung, die letztlich den Hintergrund für den unlösbar scheinenden Konflikt bildet. Und auch der kurze Hoffnungsstrahl am Ende gehört zu einem Stück, das die Figuren als austauschbare Elemente eines theatralen Spiels versteht, das gleichwohl intelligente Ansätze enthält.“ (Kölnische Rundschau, Thomas Linden, 28.09.05)

„Aufführung des Monats

Zwischen Hitler und Haifa [...]
Einen entspannten Abend verbringen die Besucher des Theaters Tiefrot nicht, wenn sie sich Ali Jalalys ’Nathans Tod in Jerusalem’ anschauen. 80 Minuten lang konfrontiert der iranische Regisseur und Autor sie mit dem alltäglichem Grauen und menschlichen Tragödien des Nahost-Konfliktes sowie mit beschämenden Teilen deutscher Geschichte. Zu Beginn des Stückes stehen sich zwei Paare gegenüber: Ein polnisches Ehepaar wirft vom Publikum aus einen Blick auf die Bühne, eine Wohnung in Haifa, Palästina. Dort wollen sie hin, in das Gelobte Land, und ihre Erlebnisse in Auschwitz vergessen. Sie überhören, dass dort ein arabisches Paar bereits von Selbstmordattentaten und sterbenden Kindern berichtet. Und so gesellt sich das jüdische Paar bald dazu, schildert zunächst noch das Grauen im KZ, bis es schließlich gemeinsam mit dem arabischen Ehepaar von grauenhaften Kriegserlebnissen in Palästina zu berichten weiß. Laut und eindringlich sprechen alle vier, weghören ist unmöglich. Dann wird das palästinensische Ehepaar aus Haifa vertrieben und muss seinen sechs Monate alten Sohn zurücklassen. Den beiden Juden wird die Wohnung inklusive Kind überlassen. Plötzlich tanzen die beiden Paare, wie um das Geschehen zu kommentieren, miteinander Ringelreihen, in weißen Kitteln – oder Zwangsjacken –, singen und plappern weiter von Kriegs- und KZ-Erlebnissen und versorgen sich gegenseitig mit Antidepressiva. Als das arabische Paar schließlich in seine Wohnung in Haifa zurückkehrt, finden sie dort die Jüdin, die ihren Sohn großgezogen hat. Der 20-jährige Jude hat vor einiger Zeit erfahren, dass er arabische Eltern hat, und ist nun mit der Frage, wen er hassen und wen er lieben soll, völlig überfordert.


Mit dem ebenso absurden wie grausamen Bühnentreiben zeigt Ali Jalaly auf eindringliche Weise: Eine Mischung aus Irrenhaus und Kindergarten ist der Krieg zwischen Palästinensern und Juden. Eine vernünftige Erklärung gibt es ebenso wenig wie eine klare Trennung in Täter und Opfer. Und so werden politische Hintergründe auch erst gar nicht angesprochen. Die Tragik der Einzelschicksale wird dem Publikum hingegen von brillanten Darstellern mit voller Wucht entgegengeschleudert. Das düster-ästhetische Bühnenbild aus alten Koffern macht klar, dass es so etwas wie Heimat in Palästina für niemanden mehr gibt, und rundet das bewegende Schauspiel zu einer schrecklich-schönen, malerischen Auseinandersetzung mit einer grausamen Realität ab.“ (Kölner Illustrierte, Bühne 11/05)

Nach dem 2. Weltkrieg emigriert ein jüdisches Ehepaar nach Israel, in der Hoffnung, dort endlich Frieden zu finden. Sie bekommen ein Haus mitsamt einem Säugling zugeteilt – die Möglichkeit eines relativ harmonischen Familienlebens scheint gegeben. Allerdings wurde das arabische Ehepaar, die Eltern des Säuglings, aus ihrem Haus und ihrem Leben vertrieben, ihnen wurde alles genommen. Wo die einen gewonnen haben, haben die anderen verloren. Der Grundstein des Konflikts ist gelegt.

20 Jahre später kehrt das arabische Paar zurück nach Haifa, um noch einmal das Haus zu sehen, in dem sie gelebt haben, um zu sehen, ob ihr Sohn noch am Leben ist. Es kommt zum Zusammentreffen mit der jüdischen Frau (der Mann ist im Krieg zwischen Arabern und Israelis ums Leben gekommen) und dem Sohn, der inzwischen überzeugter Jude ist und in der israelischen Armee gegen die Araber (unter ihnen sein leiblicher Bruder) kämpft.
Jalalys Konzept, den Nahost-Konflikt anhand zweier Einzelschicksale verständlich zu machen, geht auf: Er zeigt zwei Volksgruppen, die viel Leid ertragen mussten und sich beide im Recht sehen, endlich in Frieden zu leben. Das allein wäre nichts Neues, aber die direkte Konfrontation und das Parallelsetzen der Argumente (die sich in manchen Punkten sehr ähneln) eröffnet eine neue, andere Wahrnehmung als die tagesaktuellen Nachrichten. Die Gefahr, sentimental zu werden, umgeht Jalaly, indem er zwischen das Damals und das Wiedersehen eine absurde Episode in einer „heiligen Irrenanstalt“ stellt, in der zwischen Meditationen und der Einnahme von Anti-Depressiva gegen alle Schrecklichkeiten des Lebens viel erzählt wird über das Leben in Israel und den besetzten Gebieten, über die Unsinnigkeit des Hasses und des Mordens. Es gelingt Jalaly, einen skurrilen, ja sogar komischen Zug in das ernste Thema zu bringen, ohne es dadurch zu verharmlosen.
(Theaterstückverlag)